Sonderpreis: GiLAconsult, Neustadt
Papierloses Büro oder Virtuelle Übungsfirma als praxisersetzender Lernort in der virtuellen Berufsausbildung zum/zur Bürokaufmann/Bürokauffrau mit dem Schwerpunkt Telearbeit
Anlass für die Initiative (Problemstellung)
In Deutschland gibt es schwerstkörperbehinderte junge Menschen, die aufgrund ihres Behinderungsgrades nicht in der Lage sind eine anerkannte Berufsausbildung zu machen. Um diesem Personenkreis trotzdem eine reguläre Ausbildung zu vermitteln, wurde auf Initiative des Berufsbildungswerkes Annastift e.V. mit Unterstützung der IHK Hannover und dem Niedersächsischen Kultusministerium sowie einer Berufsbildenden Schule in Hannover ein Ausbildungskonzept entwickelt. Dieses Konzept ermöglicht eine dreijährige virtuelle Vollausbildung mit einer Abschlussprüfung als Bürokaufmann/-frau. Das besondere an dieser Initiative ist, dass sowohl die gesamte Theorie, das betriebliche Praktikum als auch die Ausbildungspraxis zu 100 Prozent virtuell durchgeführt werden. Die Auszubildenden kommen aus allen Bundesländern nördlich der Mainlinie.
Zielgruppe und spezielle Zielsetzung
Zur Zielgruppe zählen zurzeit alle schwerstkörperbehinderten Menschen, die zu einer kaufmännischen Berufsausbildung befähigt sind. Diese Gruppe kann jedoch auf alle temporär immobilen Personenkreise, wie z.B. längerfristig schwer Erkrankte, Eltern in der Erziehungszeit und Personen aus dem ländlichen Raum mit mangelnder Qualifizierungsinfrastruktur ausgeweitet werden. Die virtuelle Ausbildung kann ohne weiteres mit Blended-Learning-Konzepten kombiniert werden. Außerdem kann das Konzept in der regulären Aus- und Weiterbildung ergänzend zur überbetrieblichen Aus- und Weiterbildung eingesetzt werden.
Charakteristika (Inhalt, Ablauf, Umsetzung und Dauer der Maßnahmen)
Für die Ausbildungsmaßnahme ist charakteristisch, dass sie zu 100 Prozent virtuell, das heißt, als E- Learning-Konzept umgesetzt werden kann. Für die Ausbildung stehen alle zurzeit im Internet/Intranet nutzbaren technischen Kommunikationsmedien 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Solche integrierten Kommunikationsmöglichkeiten, wie zum Beispiel E-Mail, Chat, Audio- und Videokonferenzsystem, Virtueller Klassenraum, Applicationsharing sowie VoiceOverIP- Telefonie können für die Teilnehmer auch außerhalb der normalen klassischen Ausbildungszeit für berufliche und private oder soziale Zwecke genutzt werden. Weiterhin wird seit Frühjahr 2003 als praxisersetzender Lern- und Arbeitsort eine Virtuelle Office- Plattform mit einer Organisationssoftware unter Lotus Notes eingesetzt. In diesem System sind alle praxisrelevanten Aufgaben eines Bürokaufmannes/-frau realisierbar. Alle notwendigen Abteilungen eines Handelsbetriebes werden im Internet abgebildet. Die virtuelle Ausbildung findet unter Anleitung von drei Telecoaches im virtuellen Berufsbildungszentrum des Annastiftes statt. Zweimal wöchentlich wird der virtuelle Berufsschulunterricht durch die Berufsbildende Schule durchgeführt. Für den Berufsschulunterricht sind zurzeit sechs speziell als Telecoach ausgebildete Berufschullehrer verantwortlich. Die Ausbildung dauert insgesamt drei Jahre.
Erfahrungen bei der Umsetzung
Die virtuelle Ausbildung wird seit dem Jahr 2000 mit circa sieben bis zehn Auszubildenden pro Ausbildungsjahr durchgeführt. Im August 2003 haben die ersten acht Teilnehmer ihre Abschlussprüfung absolviert und mit überdurchschnittlichen Prüfungsnoten erfolgreich bestanden. Im August 2004 wurden wiederum sieben weibliche und männliche Auszubildende als Bürokaufleute verabschiedet. Die zum Anfang der virtuellen Ausbildung von vielen Fachleuten befürchtete soziale Vereinsamung der virtuell ausgebildeten Teilnehmer fand in der Praxis nicht statt. Die wissenschaftliche Auswertung des Pilotprojektes wurde vom Berufspädagogischem Institut der Universität Paderborn begleitet und belegt diese positive Erfahrung. Trotz der schwierigen aktuellen Arbeitsmarktsituation, konnten aus zwei bisherigen Abschlussjahrgängen circa 30 Prozent der Teilnehmer in Telearbeitsplätze vermittelt werden.
Welche innovative Wirkung hat Ihre Initiative für die berufliche Aus- und Weiterbildung in Deutschland?
Durch die erfolgreiche Umsetzung hat sich gezeigt, dass auch unter extremen Umständen mit Einsatz von hochmoderner Kommunikationstechnologie sowie aktueller Organisations- und Schulungssoftware eine komplette Berufsausbildung zu 100Prozent virtuell in einem anerkannten Ausbildungsberuf möglich ist. Die Abwicklung des zunehmenden elektronischen Geschäftsverkehrs wird unterstützt.
Die virtuelle Ausbildung bringt medienkompetente und sofort in globalen Netzwerken einsetzbare Mitarbeiter hervor.
Hat ihre Initiative bereits bekannte Konzeptionen optimiert, und wenn ja, in welcher Weise?
Voraussetzung für die Virtuelle Übungsfirma war ein komplett papierloses Büro, da die Auszubildenden aufgrund ihrer körperlichen Behinderung teilweise nicht in der Lage sind, mit den Papierunterlagen umzugehen. Das eingesetzte Office-System wurde daher durchgehend und abteilungsübergreifend mit einem elektronischen Workflow versehen. Die Kommunikation mit der Virtuellen Übungsfirma beziehungsweise mit deren Auszubildenden erfolgt extern über E-Mail, Chat, Video, Newsgroups, Foren, Audio, Video, VoiceOverIP-Telefonie und über den Webshop sowie intern über den elektronischen Workflow.
Wie ist Ihre Initiative in ein Personal- bzw. Organisationsentwicklungskonzept eingebunden?
Nach erfolgreicher Ausbildung zum Bürokaufmann/frau sind die Absolventen aufgrund der eingesetzten internetvernetzten Software- und Kommunikationsmodule in der Ausbildung sowie die Erlangung einer sehr hohen Medienkompetenz als Telearbeiter voll einsetzbar.
Wie trägt Ihre Initiative zur Entwicklung von Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Handlungskompetenz bei?
Da die Auszubildenden nur über technische Medien mit der beruflichen Außenwelt kommunizieren können, haben sie auf diesem Gebiet eine sehr große Handlungs- und Medienkompetenz entwickelt. Sie müssen schon deshalb eine sehr hohe Eigeninitiative und Handlungskompetenz haben, weil die Virtuelle Übungsfirma 24 Stunden am Tag geöffnet ist und die Auszubildenden aufgrund ihrer Behinderungen sowie der dadurch bedingten körperlichen und geistigen Voraussetzungen ganz individuelle tägliche Arbeitszeiten haben.
Welche Lehr- und Lernmethoden werden in Ihrer Initiative angewendet?
In unserer Initiative werden alle virtuell übertragbaren klassischen Unterrichtsmethoden, wie Frontalunterricht, Gruppenarbeit, Einzelunterweisung, Gruppen- und Einzelcoaching in Form von E-Learning angewendet.
Wie fördert die Initiative das arbeitsplatzbezogene Lernen?
Die Auszubildenden befinden sich permanent im arbeitsplatzbezogenen Lernprozess. Sie haben eine eigene Know-how-Datenbank, die zusammen mit den TeleCoaches im Rahmen der Ausbildung entwickelt wurde.
Wurde Ihre Initiative vom Unternehmen selbst oder maßgeblich von Beratern entwickelt?
Die GiLAconsult ist für die technische Entwicklung, Umsetzung, Realisierung, Weiterentwicklung und das laufende technische Hosting verantwortlich. Das VBBW Annastift e.V. ist für die praktische Erprobung, tägliche Anwendung in der Ausbildung sowie die pädagogischen und inhaltlichen Konzepte sowie für die dazu notwendige laufende Evaluierung zuständig.
Geben Sie den Kostenträger der Initiative an (ggf. externe Finanzierung aufführen).
Die Kosten sind zu größerem Teil (circa 95 Prozent) als Vorleistung der GiLAconsult und zu einem kleineren Teil als Vorleistung (circa 5 Prozent) vom Annastift e.V. aufgebracht worden. Das VBBW Annastift e.V. erhält von der Agentur für Arbeit für die Ausbildung der körperbehinderten Auszubildenden monatlich eine Betriebskostenerstattung. Über ein spezielles Geschäftsmodell der Vermarktung der Plattform ist geplant, die Entwicklungs- und Evaluierungskosten nach dem Lernstatt21-Konzept mit anderen Trägern zu refinanzieren.
Ansprechpartner
H.-J. Heuer, GiLAconsult, Behringstr. 42, 31535 Neustadt
